Über Jahrhunderte war ein Alpenpass kein Aussichtspunkt, sondern eine Transportstrecke. Von Süden kamen Wein, Reis, Mais, Seide und Gewürze, von Norden Vieh, Leder, Käse und Metallwaren, und dazwischen lag ein Gebirge, das nur zu Fuss und mit Lasttieren zu überwinden war. Diese Aufgabe hat das Wegnetz der Alpen geformt.
Der Begriff dafür ist das Säumen: Warentransport mit Saumtieren, meist Maultieren und Pferden, geführt von Säumern. Ein beladenes Tier trug rund einhundert bis einhundertfünfzig Kilogramm, verteilt auf zwei Seitenlasten, und legte am Tag eine Etappe zurück, die sich nach den Unterkünften richtete, nicht nach der Distanz.
Wie ein Saumweg gebaut ist
Ein Saumpfad ist eine technische Konstruktion mit klaren Regeln. Er ist so breit, dass ein beladenes Tier durchkommt, meist etwas mehr als ein Meter. Er vermeidet Stufen, weil ein Maultier mit Last auf Treppen nicht sicher geht, und arbeitet stattdessen mit gleichmässiger Steigung und gepflasterten Kehren. Steile Passagen sind mit Trockenmauern unterfangen, und an Rinnen liegen Steinplatten quer, damit das Wasser über den Weg läuft, statt ihn auszuwaschen.
Diese Bauweise ist der Grund, weshalb solche Wege Jahrhunderte überdauern. Wer heute auf einem gepflasterten Band durch eine Schlucht steigt, geht auf einer Investition, die eine Talschaft einmal für den Handel gemacht hat. Dieselbe Linienführung wurde später oft für die Fahrstrasse und noch später für die Passstrasse übernommen, weshalb alte und neue Wege häufig nur wenige Meter auseinanderliegen.
| Element | Funktion | Heute erkennbar an |
|---|---|---|
| Pflasterung | Tritt für Hufe, Schutz vor Auswaschung | Gesetzte Steine in Kehren und Steilstücken |
| Trockenmauer | Unterfangung des Wegbandes am Steilhang | Fugenlose Mauern ohne Mörtel unter dem Weg |
| Wasserrinnen | Ableitung von Hangwasser | Quer eingelegte Steinplatten |
| Sust | Warenlager und Umschlagplatz im Tal | Grosse alte Lagerhäuser an Talorten |
| Hospiz | Unterkunft und Schutz auf der Passhöhe | Massive Steinbauten am höchsten Punkt |
Eine Organisation, kein Abenteuer
Das Säumen war ein durchorganisiertes Gewerbe. Talschaften und Genossenschaften hatten das Recht und die Pflicht, eine Strecke zu bedienen, den Weg zu unterhalten und die Ware weiterzugeben. In den Susten, den Warenlagern an den Talorten, wurde umgeladen, gewogen, verzollt und gelagert. Auf der Passhöhe standen Hospize, die Unterkunft boten und im Winter Menschen aus dem Schnee holten.
Der Verkehr war saisonal, aber nicht auf den Sommer beschränkt. Über manche Übergänge wurde auch im Winter gesäumt, mit Schlitten und mit erheblichem Risiko. Die Lawinenlage war dabei bereits ein Thema, nur ohne Bulletin: Man kannte die gefährlichen Hänge aus Erfahrung, und diese Erfahrung wurde weitergegeben. Die heutige Systematik dahinter beschreibt Das Lawinenbulletin lesen.
Eine einbogige Steinbrücke über die Schlucht, das teuerste Bauwerk eines jeden Saumwegs.
Merkposten
Die teuersten Stellen eines Saumwegs waren immer die Schluchten. Eine Brücke oder ein in den Fels gehauenes Band konnte über den Erfolg eines ganzen Übergangs entscheiden und verschob den Warenstrom von einem Pass zum nächsten.
Was der Handel im Gebirge hinterlassen hat
Drei Spuren sind bis heute sichtbar. Erstens die Wege selbst, teilweise als Wanderwege signalisiert und unterhalten. Zweitens die Bauten: Susthäuser, Hospize, Zollstationen, Brücken, Kapellen an den heiklen Stellen. Drittens die Ortsnamen, die von Lasten, Zöllen und Rasten erzählen und die auf der Landeskarte oft der einzige Hinweis auf eine alte Route sind.
Für die Alpwirtschaft war dieser Verkehr eine Absatzchance. Käse liess sich lagern, transportieren und über die Pässe verkaufen, was ihn zum wichtigsten Exportgut vieler Talschaften machte. Wie er hergestellt wurde und weshalb das Zeitfenster dafür so eng ist, steht in Alpkäse im Kupferkessel.
Ein Hospiz auf der Passhöhe, gebaut für Menschen, die den Übergang nicht an einem Tag schafften.
Saumpfade als Wanderrouten
Alte Handelswege sind hervorragende Wanderrouten, und zwar aus baulichen Gründen. Sie steigen gleichmässig, sie meiden Absturzgelände, sie verbinden bewohnte Orte, und sie haben unterwegs meist Wasser. Wer eine Mehrtagesroute plant, findet in ihnen eine Linienführung, die bereits einmal für Etappen optimiert wurde, wie Eine Mehrtagesroute in Etappen schneiden zeigt.
Ihre Fortsetzung in der Moderne ist die Passstrasse, mit ihrer eigenen Saisonlogik. Wann sie fährt und weshalb der Termin jedes Jahr anders liegt, steht in Wann ein Alpenpass wirklich offen ist.
Warum ein Übergang seine Bedeutung verlor
Die Säumerei endete nicht an einem Tag, sondern in Schüben. Der erste kam mit den Fahrstrassen des neunzehnten Jahrhunderts, über die Wagen statt Tiere fuhren. Der zweite kam mit der Eisenbahn: Als 1882 der Gotthardtunnel eröffnet wurde, verlagerte sich der Warenstrom über Nacht in den Berg, und die Passhöhe wurde vom Nadelöhr zum Ausflugsziel.
Für die Talschaften war das ein Einschnitt. Susthäuser verloren ihre Funktion, Zollstellen wurden aufgehoben, ganze Berufsgruppen verschwanden. Geblieben sind die Wege, weil sie gut gebaut waren, und die Gebäude, die heute Gasthäuser, Lager oder Museen sind. Wer auf einem Saumpfad geht, bewegt sich damit auf einer Infrastruktur, deren Zweck seit über hundert Jahren woanders liegt.
Ein altes Warenlagerhaus am Talort, wo die Lasten zwischen zwei Strecken umgeladen wurden.
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Die nächste Schicht über dem Saumweg war die Schiene: Die Standseilbahn und die Erfindung des Ausflugstags erzählt, wie aus dem Transportweg ein Ausflugsziel wurde.