Ein Schweizer Wegweiser beantwortet drei Fragen auf einmal: wohin der Weg führt, wie lange er dauert und welches Gelände dabei zu erwarten ist. Die ersten beiden Antworten stehen in Buchstaben und Zahlen da. Die dritte steht in Farbe, und genau sie wird am häufigsten überlesen.
Das signalisierte Wegnetz der Schweiz umfasst rund 65'000 Kilometer und ist damit eines der dichtesten der Welt. Es funktioniert nur deshalb so zuverlässig, weil es überall nach denselben Regeln gebaut ist: gleiche Formen, gleiche Farben, gleiche Rechenweise für die Zeitangaben, vom Jurabogen bis ins Puschlav.
Drei Farben, drei Ansprüche
Die Grundfarbe der Wanderwegweiser ist Gelb. Ein durchgehend gelber Wegweiser steht für den Wanderweg: mehrheitlich gut begehbar, ohne ausgesetzte Stellen, allenfalls mit Treppen oder Geländern an heiklen Passagen. Steile Abschnitte kommen vor, technische Anforderungen im engeren Sinn nicht.
Trägt der gelbe Arm eine weiss rot weisse Spitze, handelt es sich um einen Bergwanderweg. Ab hier wird Trittsicherheit vorausgesetzt, Schwindelfreiheit ebenfalls, und der Untergrund kann über weite Strecken aus Geröll, Wurzeln oder blankem Fels bestehen. Kurze Kletterstellen mit den Händen sind Teil der Kategorie, nicht die Ausnahme.
Der blaue Wegweiser mit weiss blau weisser Spitze markiert den Alpinwanderweg. Er führt über Firnfelder, durch Blockgelände, gelegentlich über kurze Gletscherpassagen. Wer ihn benutzt, braucht alpine Erfahrung, meist auch Material, und die Fähigkeit, das eigene Umkehrkriterium vor dem Start festzulegen.
| Markierung | Wegkategorie | Was sie voraussetzt |
|---|---|---|
| Gelb | Wanderweg | Normale Kondition, festes Schuhwerk |
| Weiss rot weiss | Bergwanderweg | Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, Bergschuhe |
| Weiss blau weiss | Alpinwanderweg | Alpine Erfahrung, Ausrüstung, Beurteilung des Geländes |
Was auf dem gelben Blech tatsächlich steht
Neben dem Zielort und der Zeitangabe trägt ein vollständiger Wegweiserstandort weitere Informationen: den Namen des Standorts, seine Höhe in Metern über Meer und häufig eine Feldnummer, die im Notfall die Standortdurchsage abkürzt. Grüne Felder auf dem Wegweiser verweisen auf die Nummer einer nationalen, regionalen oder lokalen Route.
Diese Angaben sind kein Beiwerk. Wer bei schlechter Sicht an einer Kreuzung steht, kontrolliert mit Standortnamen und Höhenangabe in wenigen Sekunden, ob die eigene Position mit der Planung übereinstimmt. Das ist die schnellste Standortbestimmung, die es am Berg gibt, und sie braucht keinen Akku.
Auffällig ist auch, was nicht auf dem Wegweiser steht. Es gibt keine Distanzangabe in Kilometern, weil sie im Gebirge wenig aussagt: Drei Kilometer über eine Terrasse und drei Kilometer durch eine Geröllflanke sind zwei verschiedene Nachmittage. Deshalb wird konsequent in Zeit gerechnet, und zwar in derjenigen Zeit, die das Gelände tatsächlich verlangt.
Marschzeiten sind Rechnungen, keine Versprechen
Die Zeitangaben auf den Wegweisern werden nicht geschätzt, sondern berechnet. Grundlage sind rund 4,2 Kilometer pro Stunde in der Horizontalen, 300 Höhenmeter pro Stunde im Aufstieg und 500 Höhenmeter pro Stunde im Abstieg. Pausen, Fotostopps und Wartezeiten an der Bergbahn sind darin nicht enthalten.
Merkposten
Die angeschriebene Zeit gilt für eine zügig gehende Person bei guten Verhältnissen. Nässe, Restschnee, eine schwere Gruppe oder Hitze verlängern sie spürbar. Wer die eigene Abweichung von der Wegweiserzeit über mehrere Touren notiert, plant danach deutlich präziser.
Zwischen den Wegweisern: Marken, Farbtupfer, Steinmänner
Wegweiser stehen an Verzweigungen. Dazwischen übernehmen Bestätigungsmarkierungen die Führung: aufgemalte Farbstreifen an Felsblöcken, Baumstämmen oder Mauern, dazu Farbtupfer und, im offenen Gelände, Steinmänner. Ihre Aufgabe ist es zu bestätigen, dass man sich noch auf dem richtigen Weg befindet.
Eine Bestätigungsmarkierung auf einem Felsblock am Wegrand, umgeben von Flechten und Gras.
Ein verlässliches Zeichen für Aufmerksamkeit: Wenn über längere Zeit keine Markierung mehr auftaucht, obwohl der Weg als markiert gilt, ist die letzte gesehene Marke der bessere Bezugspunkt als das eigene Vorwärtskommen. Umkehren bis zur letzten Bestätigung kostet Minuten, Weitersuchen im falschen Hang kostet Stunden.
Wenn die Markierung aufhört
Markierungen enden nicht ohne Grund. Sie werden zurückgebaut, wenn ein Weg durch Rutschungen, Steinschlag oder Bauarbeiten unpassierbar geworden ist, und sie fehlen dort, wo Restschnee die Spur begraben hat. Ein Sperrsignal wird gesetzt, wenn die Verhältnisse es verlangen, ein fehlendes Signal ersetzt aber keine eigene Beurteilung.
Im Frühsommer ist die häufigste Ursache banal: Der Weg liegt noch unter Altschnee. Eine harte Schneezunge in einer steilen Runse hat den Charakter eines Alpinwanderwegs, auch wenn sie auf einem weiss rot weiss markierten Abschnitt liegt. Die Markierung beschreibt den Sommerzustand des Weges, nicht den Zustand des Tages. Diese Unterscheidung ist der Kern jeder Frühsommerplanung und der Grund, weshalb sich ein Blick auf die aktuelle Schneegrenze vor der Abfahrt zur Talstation lohnt.
Steinmänner auf einem Grat bei aufziehendem Nebel, die weiteren Zeichen verlieren sich im Grau.
Die Skala im Kopf behalten
Die Farbcodes decken sich weitgehend mit der Wanderskala des Schweizer Alpen-Clubs, die von T1 bis T6 reicht. Gelb entspricht ungefähr T1, weiss rot weiss deckt T2 und T3 ab, weiss blau weiss beginnt bei T4. Wer beides parallel liest, gewinnt eine zweite, feinere Einschätzung derselben Strecke.
Am Ende leistet die Signalisation genau das, was ein gutes System leisten soll: Sie verlagert die Entscheidung dorthin, wo sie hingehört, nämlich an den Anfang der Tour. Wer den Wegweiser liest, bevor er losläuft, entscheidet einmal bewusst statt zehnmal unter Druck.
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Die Feinabstufung der Anforderungen steht in Von T1 bis T6: was die SAC-Wanderskala tatsächlich beschreibt. Wie sich die Wegweiserzeiten auf eine ganze Tagesetappe hochrechnen lassen, zeigt Wanderzeit realistisch planen. Und wenn eine Etappe an einer Hütte endet, gehört die Reservation zur Planung dazu.