Auf den gelben Wegweisern der Schweiz steht keine Distanz, sondern eine Zeit. Diese Zeit ist keine Schätzung, sondern das Ergebnis einer Rechnung mit drei Kennwerten: rund 4,2 Kilometer pro Stunde in der Horizontalen, rund 300 Höhenmeter pro Stunde im Aufstieg und rund 500 Höhenmeter pro Stunde im Abstieg.
Diese Zahlen gelten für eine zügig gehende Person bei guten Verhältnissen, ohne Pausen, ohne Fotostopps, ohne Kartenstudium an der Kreuzung. Sie sind damit eine saubere Vergleichsgrösse, aber keine Tagesplanung. Der Unterschied zwischen beidem ist der Grund, weshalb so viele Touren am Nachmittag in Eile enden.
Die Rechnung, Schritt für Schritt
Für eine Etappe werden drei Grössen aus der Karte gelesen: die horizontale Distanz, der Aufstieg in Höhenmetern und der Abstieg in Höhenmetern. Daraus entstehen drei Teilzeiten. Die Distanz wird durch 4,2 geteilt, der Aufstieg durch 300, der Abstieg durch 500. Eine Etappe von zwölf Kilometern mit 900 Metern Aufstieg und 600 Metern Abstieg ergibt also knapp drei Stunden horizontal, drei Stunden Aufstieg und gut eine Stunde Abstieg.
Die verbreitete Faustregel für die Zusammenführung lautet: den grösseren der beiden Anteile ganz nehmen, den kleineren zur Hälfte dazuzählen. Für das Beispiel ergibt das rund fünfeinhalb Stunden reine Marschzeit. Wer stattdessen alle drei Teilzeiten voll addiert, erhält eine bewusst konservative Zahl, die auf schwierigem Gelände oder mit schwerem Rucksack besser passt.
| Grösse | Kennwert | Beispiel |
|---|---|---|
| Horizontale Distanz | 4,2 km pro Stunde | 12 km ergeben rund 2 Stunden 50 Minuten |
| Aufstieg | 300 Höhenmeter pro Stunde | 900 m ergeben 3 Stunden |
| Abstieg | 500 Höhenmeter pro Stunde | 600 m ergeben rund 1 Stunde 10 Minuten |
| Pausen | 10 Minuten pro Stunde Marschzeit | Rund 1 Stunde auf einen langen Tag |
Der eigene Faktor
Die Wegweiserzeit ist ein Bezugspunkt, kein Versprechen. Jede Person geht schneller oder langsamer, und dieser Unterschied ist bemerkenswert konstant. Wer auf fünf Touren notiert, wie lange er für angeschriebene Abschnitte tatsächlich gebraucht hat, erhält einen persönlichen Faktor: 0,9 für schnelle Geher, 1,3 oder 1,4 für eine gemächliche Gruppe, 1,6 mit Kindern.
Dieser Faktor ist die nützlichste Zahl der ganzen Tourenplanung, weil er sich auf jede Route anwenden lässt. Er ersetzt das Gefühl durch eine Messung, und er macht sichtbar, dass die Gruppe langsamer ist als das schnellste Mitglied. Als Regel gilt: Eine Gruppe geht so schnell wie ihre langsamste Person, und zwar den ganzen Tag.
Kartenstudium auf halber Strecke, der Moment, in dem die Restzeit neu berechnet wird.
Merkposten
Pausen werden mit rund zehn Minuten pro Stunde Marschzeit gerechnet. Auf einem Sechsstundentag ergibt das eine Stunde, die im Kopf fast nie vorkommt und die am Ende exakt die Stunde ist, die zur letzten Bahn fehlt.
Was die Rechnung nach oben treibt
Vier Faktoren verlängern eine Etappe zuverlässig. Der Untergrund: Blockgelände, Wurzelwege und nasser Fels kosten Tempo, weil jeder Tritt einzeln gesetzt wird. Die Steilheit: Über etwa fünfundzwanzig Prozent Neigung sinkt die Aufstiegsleistung deutlich unter dreihundert Höhenmeter pro Stunde. Das Gewicht: Ein Rucksack für eine Hüttentour macht schnell zwanzig Prozent aus. Und die Hitze, die auf Südhängen im Hochsommer mehr Zeit kostet als jede Steigung.
Dazu kommt das Gelände im Sinne der Anforderung. Eine Passage im Bereich T4 wird nicht gegangen, sondern beurteilt, und Beurteilen dauert. Die Stufen der Skala stehen in Von T1 bis T6: was die SAC-Wanderskala tatsächlich beschreibt. Wer eine solche Passage in der Mitte des Tages hat, plant für sie doppelt so lange wie für den gleich langen Abschnitt davor.
Eine kurze Gegensteigung auf halber Strecke, die im Höhenprofil fast verschwindet und trotzdem Zeit kostet.
Rückwärts planen statt vorwärts hoffen
Die belastbare Planung beginnt am Ende. Zuerst steht der späteste Zeitpunkt fest, an dem man zurück sein muss: die letzte Talfahrt, die Ankunft in der Hütte vor dem Nachtessen, der Zug im Tal. Davon wird die Marschzeit mit dem eigenen Faktor abgezogen, dazu die Pausen und eine Reserve von rund einer Stunde. Übrig bleibt die späteste Startzeit, und die ist meistens früher, als einem lieb ist.
Genau diese Rückrechnung entscheidet an Gewittertagen über den Verlauf des Nachmittags, wie Warum das Gewitter fast immer am Nachmittag kommt zeigt, und sie entscheidet an Bahntagen über die Frage, ob man fährt oder absteigt, siehe Erste Bahn, letzte Bahn.
Unterwegs nachrechnen statt hoffen
Die Planung endet nicht am Ausgangspunkt. An jedem Wegweiserstandort steht eine neue Zeitangabe, und der Vergleich mit der eigenen bisherigen Gehzeit ergibt den Faktor des Tages. Wer für einen mit fünfzig Minuten angeschriebenen Abschnitt eine Stunde gebraucht hat, rechnet den ganzen Rest der Etappe mit demselben Verhältnis hoch und weiss damit früh, ob die Planung hält.
Nützlich ist auch die Halbzeitkontrolle: Zur Hälfte der veranschlagten Zeit sollte ungefähr die Hälfte des Aufstiegs geschafft sein, nicht die Hälfte der Distanz, weil der Aufstieg die teurere Grösse ist. Weicht dieser Wert deutlich ab, wird nicht schneller gegangen, sondern das Ziel angepasst. Umkehren ist eine Rechenoperation, keine Niederlage.
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Wo die Kennwerte herkommen und was sonst noch auf dem gelben Blech steht, erklärt Gelbe Raute, weiss rot weiss. Wer eine mehrtägige Route zerlegt, wendet dieselbe Rechnung pro Etappe an, wie in Eine Mehrtagesroute in Etappen schneiden beschrieben.