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Firnlinie Rubrik Wetter und Sicherheit
Firnlinie Schweizer Berge, Weg für Weg
Wetter

Warum das Gewitter fast immer am Nachmittag kommt

Ein Sommergewitter im Gebirge ist selten eine Überraschung. Es ist das Ergebnis einer Kette, die am Morgen mit der ersten Sonne beginnt und deren Zwischenschritte sich vom Weg aus beobachten lassen.

Aufziehende Gewitterfront über einem Hochtal mit Alphütte, erste Regenschleier hängen unter der dunklen Wolkenbasis, warmes Streiflicht auf der gegenüberliegenden Flanke am frühen Nachmittag

Wer im Sommer in den Schweizer Alpen unterwegs ist, hört denselben Satz in jeder Hütte: früh los, früh zurück. Dahinter steckt kein Aberglaube, sondern ein physikalischer Tagesablauf, der sich fast jeden schönen Sommertag wiederholt und der sich vom Weg aus Schritt für Schritt mitverfolgen lässt.

Wärmegewitter entstehen aus der Einstrahlung. Die Sonne heizt den Boden, der Boden heizt die bodennahe Luft, diese Luft steigt auf. Im Gebirge geschieht das schneller als im Flachland, weil geneigte Hänge die Strahlung steiler treffen und weil an jeder besonnten Flanke ein Hangaufwind entsteht, der die warme Luft wie in einem Kamin nach oben führt.

Der Tagesgang, den man am Himmel ablesen kann

Am frühen Vormittag ist der Himmel meist noch klar. Zwischen neun und elf Uhr erscheinen die ersten flachen Quellwolken über den Graten: kleine, scharf abgegrenzte Haufen mit flachem Boden. Dieser flache Boden ist das Kondensationsniveau, also die Höhe, in der die aufsteigende Luft ihren Wasserdampf ausfällt. Solange die Wolken untereinander gleich hoch bleiben und Lücken lassen, passiert wenig.

Ab Mittag wachsen die Türme. Aus dem Haufen wird ein Turm mit blumenkohlartiger Oberfläche, der schnell nach oben schiesst und dabei seine Ränder scharf hält. Wenn die Oberkante ausfranst und sich seitlich zu einem Schirm verzieht, ist die Zelle reif: der Amboss zeigt an, dass der Aufwind die Obergrenze erreicht hat und dass Niederschlag und Blitze bereits unterwegs sind.

Die aktive Phase der meisten Wärmegewitter liegt im Zeitfenster zwischen vierzehn und achtzehn Uhr. Das ist keine Regel mit Garantie, aber ein zuverlässiges Muster: Der Boden gibt seine gespeicherte Wärme mit Verzögerung ab, die Luftmasse braucht Stunden, um genügend Feuchtigkeit in die Höhe zu tragen, und der Berg selbst liefert den Auslöser. Frontgewitter halten sich dagegen an keinen Tagesgang, sie kommen mit der Front, auch um vier Uhr morgens.

Tageszeit Was am Himmel steht Was das für die Tour heisst
06 bis 09 Uhr Klarer Himmel, allenfalls Dunst in den Tälern Aufstiegszeit, die kühlste und stabilste Phase
09 bis 12 Uhr Flache Quellwolken über den Graten, mit Lücken Gipfelzeit, Entwicklung im Blick behalten
12 bis 14 Uhr Türme wachsen, Wolkenbasis dunkelt nach Abstieg beginnen, exponierte Grate verlassen
14 bis 18 Uhr Amboss, Schauerstreifen, erste Böen Unter der Waldgrenze oder in der Hütte sein

Die Umkehrzeit wird am Vorabend festgelegt

Eine Umkehrzeit ist keine Absichtserklärung, sondern eine Zahl, die vor dem Start feststeht und die unabhängig vom Gipfelabstand gilt. Sie wird rückwärts gerechnet: von der gewünschten Ankunft im Tal über die Abstiegsdauer, mit einem Zuschlag für Pausen und für die Verzögerung, die eine müde Gruppe unweigerlich erzeugt.

Wer die Wegweiserzeiten realistisch auf einen ganzen Tag hochrechnet, kommt bei dieser Rückrechnung auf brauchbare Zahlen. Die Methode dazu steht in Wanderzeit realistisch planen statt hoffen, und sie ist im Gewittersommer wertvoller als jede Wetter-App: Sie sagt, wann man umdrehen muss, und nicht bloss, wann es vermutlich regnet.

Wachsende weisse Quellwolken mit flachen Untergrenzen über einer Kette von Felsgraten um die Mittagszeit, darunter grüne Alpweiden im vollen Sonnenlicht, sehr breite Landschaftsaufnahme

Quellwolken mit flacher Untergrenze über den Graten um die Mittagszeit, das erste sichtbare Zwischenergebnis der Einstrahlung.

Merkposten

Die verbreitete Faustregel heisst 30/30: Liegen zwischen Blitz und Donner weniger als dreissig Sekunden, ist die Zelle nah genug, um Schutz zu suchen. Nach dem letzten Donner wird dreissig Minuten gewartet, bevor exponiertes Gelände wieder betreten wird. Die zweite Hälfte der Regel wird häufiger missachtet als die erste.

Wo der Blitz einschlägt und wo man deshalb nicht steht

Ein Blitz sucht den kürzesten Weg zur Erde. Erhöhte, freistehende Objekte verkürzen diesen Weg: Gipfelkreuze, Grate, Masten, Einzelbäume, Antennen und Metallgeländer an Klettersteigen. Ebenso heikel sind Höhleneingänge, Felsnischen und überhängende Wände, weil dort Kriechströme über die Oberfläche laufen können, statt im Fels zu bleiben.

Verhältnismässig sicher sind geschlossene Fahrzeuge, Bahnwagen, Gebäude und dichter Wald abseits der höchsten Bäume. Bleibt nichts davon, gilt: Mulde suchen, in die Hocke, Füsse eng zusammen, auf eine isolierende Unterlage wie einen Rucksack ohne Metallgestell. Die Gruppe verteilt sich mit einigen Metern Abstand, Stöcke und Pickel werden abgelegt, ein bis zwei Meter Abstand zu Felswänden werden eingehalten.

Das häufigste Problem bei Sommergewittern in den Bergen ist allerdings nicht der Blitz, sondern die Kette danach: Hagel macht den Fels rutschig, der Temperatursturz kostet innert Minuten Körperwärme, Runsen füllen sich mit Wasser und Geröll, und ein weiss rot weiss markierter Weg verliert seinen Charakter, sobald er nass ist. Genau das beschreibt die SAC-Wanderskala: Sie bewertet den trockenen Sommerzustand, nicht den Zustand nach zwanzig Minuten Hagel.

Zwei Wandernde steigen in Regenjacken über einen nassen Bergweg ab, im Rücken eine dunkle Wolkenwand mit Regenschleiern, vorne glänzt nasser Fels im letzten Sonnenlicht, breites Format

Abstieg auf nassem Fels mit der Zelle im Rücken, kurz nach dem Durchzug der ersten Böen.

Was der Bergwetterbericht am Vorabend hergibt

Für die Planung zählen drei Angaben mehr als das Symbol: die Gewitterneigung mit Zeitfenster, die Nullgradgrenze und die Windrichtung in der Höhe. Die Gewitterneigung sagt, ob mit einzelnen oder mit verbreiteten Zellen zu rechnen ist. Die Nullgradgrenze sagt, ob Niederschlag oben als Schnee fällt und den Weg innert einer Stunde in etwas anderes verwandelt. Die Höhenwindrichtung sagt, aus welcher Richtung die Zellen ziehen, also welche Talseite zuerst betroffen ist.

Am Berg ersetzt keine Prognose die eigene Beobachtung, aber sie legt fest, mit welchem Plan man losläuft. Ein Tag mit angekündigter starker Gewitterneigung ist kein Tag für eine lange Gratüberschreitung, sondern einer für eine Route mit mehreren Ausstiegen, mit einer Hütte auf halbem Weg oder mit einer Talstation, die auch am Nachmittag noch fährt.

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Welche Fahrpläne eine Rückkehr am Nachmittag überhaupt zulassen, steht in Erste Bahn, letzte Bahn. Wer die Alarmierung ernsthaft vorbereiten will, findet die Reihenfolge der Angaben in Notruf in den Bergen. Und wie die Markierung selbst gelesen wird, bevor das Wetter die Entscheidung übernimmt, zeigt die Signalisation der Schweizer Wanderwege.