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Firnlinie Rubrik Wetter und Sicherheit
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Wetter

Das Lawinenbulletin lesen: Gefahrenstufe ist erst der Anfang

Ein Lawinenbulletin besteht aus vier Ebenen, und die Zahl ganz oben ist nur die erste davon. Wer bei ihr stehen bleibt, verschenkt den grössten Teil der Information.

Ausgebreitete Landeskarte auf einem Holztisch, daneben Kompass, Bleistift und Handschuhe, eine Hand zeichnet mit dem Finger eine Hangrichtung nach, kaltes Fensterlicht am Wintermorgen

Das Lawinenbulletin für die Schweizer Alpen wird vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos herausgegeben. Im Winter erscheint es täglich am späten Nachmittag und wird am Morgen aktualisiert, wenn sich die Lage über Nacht verändert hat. Es ist damit das aktuellste Lagebild, das es für den Schnee gibt.

Gelesen wird es meist falsch, und zwar auf eine bestimmte Art: Man schaut die Zahl an, merkt sich das Wort dazu und geht los. Die Zahl ist die Gefahrenstufe der fünfteiligen europäischen Skala, von gering über mässig, erheblich und gross bis sehr gross. Sie ist eine Zusammenfassung, keine Beschreibung, und sie gilt für ein ganzes Gebiet, nicht für einen Hang.

Die vier Ebenen des Bulletins

Unter der Stufe folgt das Lawinenproblem, und dieses sagt, um welchen Mechanismus es geht. Fünf Typen kommen vor: Neuschnee, Triebschnee, Nassschnee, Altschnee und Gleitschnee. Ein Triebschneeproblem verlangt eine andere Aufmerksamkeit als ein Altschneeproblem, weil man das eine im Gelände sehen kann und das andere nicht.

Die dritte Ebene ist die Verortung: In welchen Expositionen und in welcher Höhenlage besteht das Problem. Das Bulletin zeigt dies mit einer Windrose und einer Höhenangabe, zum Beispiel Nord über zweitausendzweihundert Metern. Die vierte Ebene ist der Text: die Beschreibung von Schneedecke, Wetter und Entwicklung, also der Teil, der erklärt, warum die Zahl so lautet.

Lawinenproblem Woran es liegt Was es im Gelände bedeutet
Neuschnee Frische Auflage, noch nicht gesetzt Menge und Verlauf des Schneefalls beachten
Triebschnee Wind hat Schnee verfrachtet Sichtbare Wechten, Polster hinter Geländekanten
Altschnee Schwache Schicht tief in der Decke Nicht sichtbar, verlangt Zurückhaltung im Gelände
Nassschnee Erwärmung, Regen, Durchfeuchtung Tageszeit wird zum entscheidenden Faktor
Gleitschnee Schneedecke gleitet auf glattem Untergrund Fischmäuler im Hang, Zeitpunkt kaum vorhersehbar

Von der Stufe zur Entscheidung

Der Weg von der Information zur Handlung führt über drei Fragen. Erstens: Betrifft das genannte Problem die Expositionen und Höhenlagen meiner Route. Zweitens: Wie steil ist das Gelände an diesen Stellen, denn Hangneigung ist der stärkste Einzelfaktor. Drittens: Was ändert sich im Tagesverlauf, insbesondere bei einem Nassschneeproblem, bei dem der Vormittag deutlich günstiger ist als der Nachmittag.

Diese drei Fragen lassen sich am Vorabend an der Karte beantworten. Was am Berg dazukommt, ist die Beobachtung: frische Lawinen in der Umgebung, Risse in der Schneedecke, dumpfe Geräusche beim Gehen, frische Triebschneepolster hinter Kanten. Solche Zeichen sind stärker als jede Prognose und führen im Zweifelsfall zur Umkehr.

Vom Wind geformte Wechte auf einem Grat mit frischen Triebschneepolstern darunter, Schneefahnen wehen über die Kante, hartes Wintermorgenlicht, sehr breite Aufnahme aus mittlerer Distanz

Wechte und frische Triebschneepolster hinter der Gratkante, das sichtbarste der fünf Lawinenprobleme.

Merkposten

Die Gefahrenstufen sind nicht linear. Der Sprung von mässig auf erheblich bedeutet eine deutlich grössere Zahl kritischer Stellen, und ein grosser Teil der tödlichen Lawinenunfälle ereignet sich bei erheblicher Gefahr, nicht bei den beiden höchsten Stufen.

Warum die Zahl allein nicht reicht

Eine Gefahrenstufe beschreibt ein Gebiet von der Grösse einer Region. Innerhalb dieses Gebiets gibt es Hänge, die harmlos sind, und Hänge, an denen an diesem Tag niemand etwas zu suchen hat. Das Bulletin liefert die Kriterien, um beide zu unterscheiden, aber es kann die Unterscheidung nicht für den einzelnen Hang treffen.

Deshalb ist das Bulletin ein Planungsinstrument, kein Freibrief und kein Verbot. Es sagt, welche Art von Gelände heute gemieden wird und welche Aufmerksamkeit gefragt ist. Dieselbe Logik gilt im Sommer für die Gewitterlage, beschrieben in Warum das Gewitter fast immer am Nachmittag kommt: Die Prognose legt den Rahmen fest, die Beobachtung entscheidet.

Person gräbt mit der Lawinenschaufel eine Schneeprofilgrube in einen Hang und prüft die Schichten der Schneedecke mit der Hand, Sonde und Rucksack liegen daneben, klares Winterlicht, breites Format

Ein Schneeprofil zeigt die Schichten, die im Bulletin als Altschneeproblem beschrieben werden.

Was das für den Sommerwanderer heisst

Auch wer nie eine Skitour macht, hat mit den Folgen zu tun. Lawinen des Winters bestimmen, wie lange Altschnee in den Runsen liegt, wie viel Geröll auf den Wegen liegt und wann Passstrassen freigegeben werden. Der Zusammenhang zwischen Räumung, Lawinensicherung und Öffnungstermin steht in Wann ein Alpenpass wirklich offen ist.

Und im Frühsommer bleibt die Kernfrage dieselbe wie im Winter: Was liegt auf dem Weg, und wie verändert es die Anforderung. Die Markierung beschreibt den Sommerzustand, wie die Signalisation der Schweizer Wanderwege festhält, nicht den Zustand des Tages.

Wann das Bulletin erscheint und wie fein es auflöst

Im Winter erscheint das Bulletin täglich am späten Nachmittag, in der Regel um siebzehn Uhr, und gilt für den folgenden Tag. Am Morgen um acht Uhr folgt eine Aktualisierung, die Neuschnee, Wind und Temperaturverlauf der Nacht einarbeitet. Wer am Vorabend plant, liest deshalb beide Ausgaben: die eine für die Entscheidung, die andere für die Bestätigung.

Räumlich arbeitet das Bulletin mit Warnregionen, nicht mit einzelnen Hängen. Innerhalb einer Region wird zusätzlich nach Höhenlage und Exposition unterschieden, und der Textteil nennt die typischen Gefahrenstellen, etwa Rinnen, Mulden und Übergänge von wenig zu viel Schnee. Diese Beschreibung ist der eigentliche Kern: Sie sagt, wonach im Gelände gesucht wird, während die Zahl nur die Zusammenfassung liefert.

Weiterlesen

Wer die Alarmierung vorbereiten will, findet die Reihenfolge der Angaben in Notruf in den Bergen: was gesagt werden muss. Und wie sich Gelände überhaupt einstufen lässt, steht in Von T1 bis T6.