Das Berner Oberland ist die Landschaft, in der die Traverse zur eigenen Wegform geworden ist. Die grossen Nordwände von Eiger, Mönch und Jungfrau stehen als geschlossene Kette da, und ihnen gegenüber, jenseits des Tals, zieht sich eine Terrasse hin, die genau die richtige Höhe hat: hoch genug für den freien Blick, tief genug, um schneefrei und begehbar zu bleiben.
Der bekannteste dieser Wege führt von der Schynigen Platte über das Faulhorn zur First, rund fünfzehn Kilometer weit, mit dem Berggasthaus auf dem Faulhorn auf 2681 Metern als höchstem Punkt. Er hat alles, was einen Höhenweg ausmacht: zwei Bahnstationen als Anfang und Ende, ein durchgehendes Wegband und eine Aussicht, die sich über Stunden nicht wiederholt, sondern verschiebt.
Warum wenig Höhenmeter nicht wenig Aufwand bedeuten
Ein Höhenweg summiert seine Höhenmeter in kleinen Portionen. Fünfzig Meter hinauf zu einer Rippe, achtzig hinunter in eine Mulde, wieder hinauf zur nächsten Schulter. Am Ende stehen mehrere hundert Meter Auf- und Abstieg auf der Rechnung, ohne dass es je nach Aufstieg ausgesehen hätte. Wer nur die Differenz zwischen Start- und Zielhöhe anschaut, unterschätzt den Tag systematisch.
Dazu kommt die Querung selbst. Eine Traverse führt quer durch die Falllinie, meist über Grashalden, Schutt und gelegentlich über Blockwerk. Der Fuss steht dabei nie ganz eben, das äussere Bein arbeitet anders als das innere, und nach vier Stunden macht sich dieser Unterschied bemerkbar. Genau deshalb liegen viele Höhenwege im Bereich T2 bis T3 der SAC-Wanderskala, obwohl sie auf der Karte harmlos aussehen.
| Merkmal | Aufstiegstour | Höhenweg |
|---|---|---|
| Höhenprofil | Ein langer Anstieg, ein langer Abstieg | Viele kurze Gegensteigungen |
| Umkehr | Jederzeit möglich, gleicher Weg zurück | Nur an definierten Ausstiegen ins Tal |
| Schneelage | Betrifft vor allem den Gipfelbereich | Betrifft einzelne Runsen auf ganzer Länge |
| Verkehr | Talstation als einziger Fixpunkt | Start und Ziel oft verschiedene Bahnen |
Restschnee in den Runsen
Die kritischen Stellen einer Traverse sind die Runsen, also die steilen Rinnen, die von oben herunterziehen und den Weg queren. Genau dort bleibt der Schnee am längsten liegen, weil die Rinne beschattet ist und weil im Winter alles hineinrutscht, was von der Flanke herunterkommt. Ein solches Altschneefeld ist im Juni hart, oft brettartig gefroren und je nach Neigung ein Absturzgelände.
Praktisch heisst das: Ein Höhenweg wird nicht am Datum beurteilt, sondern an der aktuellen Schneelage in den Nordrunsen. Auskunft geben die Bewirtschaftungen der Hütten und Berggasthäuser entlang der Route, die Bergbahnen und die Wegverantwortlichen der Region. Wer das nicht abklärt, steht nach drei Stunden Weg vor einer Rinne, in der die Spur endet, und hat dann nur noch die Rückkehr auf demselben Weg.
Die Querung einer Runse, jene Stelle einer Traverse, an der die Verhältnisse über die ganze Tour entscheiden.
Merkposten
Ein Höhenweg hat selten eine Umkehrmöglichkeit in der Mitte. Vor dem Start werden die zwei bis drei Ausstiege ins Tal notiert, mit ihrer jeweiligen Abstiegsdauer. Diese Zahlen sind der eigentliche Notfallplan des Tages.
Die Bahn am Anfang und die Bahn am Ende
Die meisten Höhenwege im Berner Oberland beginnen und enden an einer Bergbahn. Das ist bequem und zugleich die grösste Falle: Zwei Fahrpläne müssen zusammenpassen, und die letzte Talfahrt am Zielort ist eine harte Grenze, keine Empfehlung. Wer sie verpasst, steigt zu Fuss ab, meist tausend Höhenmeter und mehr, mit müden Beinen und im schwindenden Licht.
Die Rechnung dazu ist einfach, wird aber oft erst unterwegs gemacht: Ankunftszeit an der Bergstation plus Marschzeit plus Pausen plus Reserve muss vor der letzten Talfahrt liegen. Wie eng dieses Zeitfenster tatsächlich ist, zeigt Erste Bahn, letzte Bahn. Und weil Sommergewitter am Nachmittag genau in dieses Fenster fallen, gehört der Tagesgang der Wärmegewitter zur Planung einer Traverse dazu.
Ein Berggasthaus auf dem höchsten Punkt der Traverse, mit dem Wolkenmeer über den Tälern.
Warum sich die Aussicht auf einer Traverse verändert
Auf einer Gipfeltour sieht man das Ziel stundenlang gleich und steht am Ende einmal oben. Auf einem Höhenweg dreht sich die Perspektive fortlaufend: Dieselbe Wand zeigt zuerst ihre Kante, dann ihre Fläche, dann ihre Flanke, und die Gletscher darunter wandern von links nach rechts durch das Blickfeld. Das ist der eigentliche Grund, weshalb diese Wege gebaut und unterhalten werden.
Wer eine solche Traverse auf zwei Tage verteilen will, findet mit einer Hütte auf halbem Weg die elegantere Lösung. Die Vorbereitung dazu steht in Eine Hütte reservieren, ohne die Bewirtschaftung zu ärgern.
Was auf einer Traverse in den Rucksack gehört
Ein Höhenweg hat wenig Schatten und oft stundenlang keine Quelle, weil das Wasser in den Runsen unter dem Schutt verschwindet. Anderthalb bis zwei Liter pro Person sind deshalb die Untergrenze, dazu Kopfbedeckung und Sonnenschutz, denn auf zweitausend Metern über einer hellen Geröllflanke wirkt die Strahlung von zwei Seiten.
Dazu kommt der Wind. Auf einer Terrasse ohne Deckung bläst es fast immer, und ein leichter Windschutz macht den Unterschied zwischen einer Pause und einem Halt im Stehen. Stöcke helfen bei den Querungen der Runsen und beim Abstieg zur Endstation, wo nach Stunden auf gleicher Höhe plötzlich mehrere hundert Meter am Stück nach unten führen.
Pause im Windschatten eines Blocks, der einzige Schutz auf einer offenen Terrasse.
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Wie sich der ganze Tag auf die Stunde genau rechnen lässt, steht in Wanderzeit realistisch planen statt hoffen. Und wer die Traverse zur Mehrtagesroute ausbaut, schneidet die Etappen nach den Übernachtungsorten, wie in Eine Mehrtagesroute in Etappen schneiden beschrieben.