Über der Waldgrenze liegt in der Schweiz eine Fläche, die für die Landwirtschaft nur wenige Wochen im Jahr nutzbar ist. Sie wird gesömmert: Vieh zieht im Frühsommer hinauf, weidet dort, solange Gras wächst, und kehrt im Herbst zurück. Rund siebentausend Sömmerungsbetriebe bewirtschaften diese Höhenweiden, und die Fläche entspricht grössenordnungsmässig einem Zehntel der Landesfläche.
Die Rechnungseinheit dafür heisst Normalstoss: die Weidefläche, die eine Grossvieheinheit während hundert Tagen benötigt. Diese hundert Tage sind kein Zufallswert, sondern die durchschnittliche Länge einer Sömmerung, und sie strukturieren den Betrieb von der Auffahrt bis zum Abzug.
Die Auffahrt und die erste Woche
Die Auffahrt findet statt, wenn das Gras auf der untersten Weidestufe genügend hoch ist, meist zwischen Ende Mai und Ende Juni je nach Höhe und Jahr. Vorher wird die Alp hergerichtet: Hütte öffnen, Wasserleitungen kontrollieren, Zäune stellen, Wege ausbessern, Steine von den Weiden räumen, die der Winter hinuntergeschoben hat.
Die erste Woche mit Tieren ist die unruhigste. Die Herde muss sich finden, die Rangordnung wird geklärt, einzelne Tiere suchen den Weg zurück ins Tal. Gleichzeitig läuft der Melkbetrieb bereits, und die Käserei nimmt ihre Arbeit auf, weil Milch keinen Aufschub kennt. Wie eng dieser Ablauf getaktet ist, beschreibt Alpkäse im Kupferkessel.
| Phase | Was ansteht | Wovon der Termin abhängt |
|---|---|---|
| Vorbereitung | Hütte, Wasser, Zäune, Wege | Ausaperung der untersten Weidestufe |
| Auffahrt | Herde zieht auf die Alp | Graswuchs und Wetterlage |
| Weiderotation | Wechsel auf die nächsthöhere Stufe | Zustand des Futters, Trockenheit |
| Hochsommer | Melken, Käsen, Zäune, Tierkontrolle | Wetter, Gewitter, Wasserverfügbarkeit |
| Abzug | Rückkehr ins Tal | Futter, Kälteeinbruch, Schnee |
Weiderotation als Grundprinzip
Eine Alp wird nicht als eine Fläche genutzt, sondern in Stufen. Zuerst die tiefste, dann die mittlere, dann die höchste, und im Spätsommer wieder abwärts. Diese Rotation folgt dem Vegetationsverlauf: Oben wächst das Gras später, unten erholt sich die Fläche in der Zwischenzeit. Sie verhindert zugleich, dass eine Weide überbeansprucht wird, während eine andere verbuscht.
Die Arbeit dahinter besteht zu einem grossen Teil aus Zäunen. Elektrozäune werden gestellt, versetzt, kontrolliert und repariert, oft täglich. Dazu kommen die Wasserstellen, die im trockenen Hochsommer versiegen können, und die Kontrolle der Tiere: Klauen, Verletzungen, Trächtigkeiten, Krankheiten. Ein Tierarztbesuch bedeutet auf der Alp einen halben Tag Anfahrt.
Zaunarbeit auf der mittleren Weidestufe, die häufigste Tätigkeit eines Alpsommers.
Merkposten
Wandernde durch Weidegebiete gehen auf dem Weg, schliessen jedes Gatter wieder und halten Abstand zu Mutterkühen mit Kälbern. Hunde bleiben an der kurzen Leine, und bei einem Angriff wird der Hund losgelassen, statt ihn zu tragen.
Wetter als tägliche Grösse
Über der Waldgrenze wird das Wetter nicht gelesen, sondern erlebt. Ein Kälteeinbruch im Juli bringt Schnee bis auf die Weiden, ein Trockensommer lässt die Quellen versiegen, ein Gewitter treibt die Herde zusammen und beschädigt Zäune. Deshalb gehört die Wetterbeobachtung zum Tagesgeschäft, mit derselben Systematik, die auch für Tourengänger gilt und die in Warum das Gewitter fast immer am Nachmittag kommt beschrieben ist.
Dazu kommt die Lage der Alp selbst: Wege, Materialtransport, Erreichbarkeit. Viele Alpen werden über Alpstrassen versorgt, andere über Seilbahnen, und in beiden Fällen ist die Versorgung ein Planungsthema, ganz ähnlich wie bei den Berghütten, deren Betrieb Der Arbeitstag einer Hüttenbewirtschaftung beschreibt.
Alphütte im Morgennebel, mit den Kannen der ersten Melkung vor der Tür.
Das Ende der Saison
Gegen Ende der hundert Tage geht das Futter zurück, die Nächte werden kalt, und ein erster Schneefall kann die Entscheidung erzwingen. Der Abzug wird organisiert, die Tiere werden geschmückt, wenn der Sommer ohne Verlust zu Ende gegangen ist, und die Herde zieht ins Tal. Was dieser Tag bedeutet und wann der Schmuck ausbleibt, steht in Alpabzug: warum die Kühe geschmückt werden, und wann nicht.
Danach wird die Alp geschlossen: Wasser abgestellt, Zäune eingerollt, Hütte geräumt, Käse in den Keller oder ins Tal gebracht. Die Landschaft, die den Rest des Jahres leer aussieht, ist damit nicht unbewirtschaftet, sondern zwischen zwei Saisons. Wer im Herbst dort wandert, geht durch einen Betrieb im Ruhezustand.
Wer auf der Alp arbeitet
Die Betriebsformen sind unterschiedlich: Manche Alpen gehören einer Korporation oder einer Genossenschaft, die seit Jahrhunderten besteht, andere einer Gemeinde, wieder andere einer Familie. Bewirtschaftet werden sie von Personal, das für die Saison angestellt ist, häufig in der Aufteilung Senn für die Käserei, Hirtin für die Herde und Zusenn für alles dazwischen.
Getragen wird das System zusätzlich von Sömmerungsbeiträgen des Bundes, die an die Zahl der Normalstösse und an Auflagen zur Weidepflege gebunden sind. Der Grund dafür ist landschaftlicher Natur: Ohne Beweidung verbuscht eine Alpweide innerhalb weniger Jahre, Wege verschwinden, und die offene Landschaft über der Waldgrenze verschwindet mit ihnen.
Morgenmelkung im offenen Stall, der Beginn eines jeden Tages auf der Alp.
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Die Wege, auf denen man durch dieses Gebiet läuft, sind selbst Teil der Alpwirtschaft: Die Signalisation der Schweizer Wanderwege erklärt ihre Führung durch Weideland. Und wer eine mehrtägige Route durch Sömmerungsgebiete plant, findet die Etappenlogik in Eine Mehrtagesroute in Etappen schneiden.